Inverview mit der Rute und Rolle
Geschrieben von: Michael Eisele   

Angelverbote in Nord- und Ostsee:
Interview mit Michael Eisele


IMG 9529 Michael EiseleIn großen Teilen der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) soll ein Angelverbot für Freizeitfischer kommen ­– sowohl in der Nord- als auch in der Ostsee. Betroffen ist unter anderem der Fehmarnbelt, der für viele Meeresangler ein beliebtes Revier darstellt. Rute & Rolle hat für Euch beim bekannten Meeresangler und Pilkerhersteller Michael Eisele die aktuelle Stimmung zu den Angelverboten in einem Interview eingefangen.

„Stinksauer“

Interview mit Michael Eisele von Dieter Eisele Sea Fishing.

Rute & Rolle: Erst das Fanglimit für den Dorsch, nun geplante Angelverbote in der Nord- und Ostsee. Was hältst Du von dieser Entwicklung?


Michael Eisele:
Diese Frage ist nicht ganz einfach und nicht in drei Sätzen zu beantworten. Ich angel mein Leben lang auf Dorsch, mein Daddy auch und der ist 75 Jahre alt. Wir stehen sozusagen für die Dorschangelei und das seit Generationen. Daher gibt es ja auch den DiDoDay (Dieters-Dorsch-Tag). Selbst mein Urgroßvater, auch Heiligenhafener Jung, hat mir schon erzählt als ich ein Kind war: „Es gibt gute und schlechte Dorschjahre.“ Wenn wir heute vermeintlich schlechtere Jahrgänge haben oder gar (wie geht das eigentlich?) ein Jahrgang fehlt, stört es uns Angler insofern, dass wir weniger fangen. Trotzdem gehen wir angeln! Kurzum: Ist wenig Dorsch da, entnimmt der Angler wenig, ist viel da, wird ein Fisch mehr mitgenommen. Es regelt sich seit Generationen eigentlich von selbst. Natürlich ist eine nachhaltige Dorschwirtschaft heute sicher wichtig und der Angler verschließt sich nicht davor. Aber: In einem Rechtsstaat muss sich jedes staatliche Handeln am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit orientieren. Das bedeutet, dass es erforderlich, geeignet und angemessen sein muss. Bei den geplanten Angelverboten sehe ich keinen dieser Parameter erfüllt. Die Angelverbote sind nicht nur inhaltlich falsch, sondern auch rechtlich bedenklich. Einer Überprüfung durch Gerichte würde ein Verbot nicht standhalten.

Ich beobachte zurzeit, dass in der westlichen Ostsee schlecht Dorsch gefangen wird, auf der östlichen Seite hingegen ganz ordentlich. Woran kann es im Westen liegen? Natürliche Gegebenheiten wie Salzgehalt und Temperaturen spielen eine Rolle, der Austausch der Wassermassen zwischen Nord- und Ostsee ist jedes Jahr wieder entscheidend für gute und schlechte Bestände. Bei wenig Salz oder Sauerstoff wandert der Dorsch ab und steht woanders. Vielleicht im Osten? Aber sind nicht vielmehr auch durch Menschen gemachte Widrigkeiten Gründe dafür, dass sich die Dorschbestände verringern und verlagern? Mit Sauerstofflöchern, Naturkatastrophen, Düngemitteln, Nitrateinflüssen, Industrieabfällen, Kriegslasten, absurden Verkehrs- und Energieprojekten und illegaler Überfischung haben wir Angler nichts zu tun. Hier sollte die Politik anfangen, laut zu werden!

IMG 8013Wir Angler wollen und werden jedoch unseren Beitrag zur Erholung insbesondere der Dorschbestände in der Ostsee leisten und uns sinnvollen Regelungen nicht verschließen. Geeigneter wäre es jedoch gewesen, die Dorsche in der Laichzeit komplett zu schützen – ohne Hintertürchen durch Plattfischnetze und drei Fische – zugunsten eines höheren Fanglimits im Rest des Jahres. Denn so sind die Auswirkungen unangemessen hoch und bedrohen Existenzen. Schongebiete, die wichtig für den Dorsch sind, aber für Angler und Fischer unbedeutend, unterstützen wir ebenfalls. Wir Angler werden ganz genau hingucken, wie sich die Bundesregierung in Brüssel einsetzen wird, wenn sich die Bestände erholt haben. Wir erwarten dann eine sofortige Anpassung der Quote für alle Seiten.
Dass wir Angler Gewässer hegen und pflegen, Besatz machen und dass jeder Angler auch Geld in die Kassen des Allgemeinwohls spült, wird zu gern vergessen. Geld und Steuern für Fischereiabgaben, Zimmer und Verzehr vor Ort, Mineralölsteuer für die Anreise und auch der Köderkauf im Angelladen – alles spült Geld und Mehrwert in die Kassen. Aber wir bekommen von der Politik auf die Fresse! Warum? Weil sie es ja mit uns machen kann. Eine Minderheit, die beiseite gedrängt wird, ohne sie zu fragen oder anzuhören. Bei den geplanten Angelverboten handelt es sich um rein ideologische Klientelpolitik, doch diese wird sich nicht lohnen! Man geht davon aus, dass es in Deutschland etwa fünf Millionen Angler gibt. Diese Zahl entspricht über zehn Prozent der bei der letzten Bundestagswahl abgegebenen Stimmen. Angler werden in ihrer politischen Bedeutung unterschätzt. Bei der jüngsten Landtagswahl in Schleswig-Holstein hat Rot-Grün das zu spüren bekommen und ist sehr überraschend für einige abgewählt worden.

Es ist ein Skandal, dass ohne fachliche Begründung Existenzen aus der Angelbranche geopfert werden sollen für das ideologische Interesse Einzelner.

Es ist an der Zeit aufzustehen und wir sind mit der Anglerdemo dabei der Politik zu sagen: nicht mit uns! Baglimits und Angelverbote in der Ostsee? Natur- und Artenschutz ja, gern mit uns, nicht ohne uns! Ich sage hier: Angler steht auf und wehrt Euch! Fragt Eure Landtags- und Bundestagsabgeordneten in Euren Wahlkreisen, wie sie dazu stehen. Eure Stimme zählt! Das ist der Weg!

Es kann doch nicht sein, dass ohne Grundlage jedes Wissens einfach gesagt wird: „Ihr Angler seid Schuld an schwachen Dorschbeständen, weg mit Euch!“ Es dürfen in den vorgesehenen Schutzzonen der AWZ Kreuzfahrtschiffe (die größten Umweltsäue der Welt) und Tankschiffe fahren. Es darf nach Gas und Erdöl gebohrt werden. Einen Tunnel wollen wir in die Ostsee bauen, Offshore-Windparks werden errichtet. Alles ist erlaubt. Nur ein Angler, der seinen Köder ins Wasser hält, soll das Gleichgewicht der Natur stören?

 

Rute & Rolle: Du hast direkten Draht zu den Angelkuttern und unterstützt die Anglerdemo aktiv. Wie sehr sind die Kutterkapitäne, aber auch der gesamte Tourismus der Region Ostholstein betroffen, wenn ein Angelverbot im Fehmarnsund kommt?


Michael Eisele:
Als Chef der Firma Eisele ist es eine Herzensangelegenheit, mich hier zu engagieren und falsche Entscheidungen zu verhindern, die zerstörerischen Einfluss für viele Jahre hätten, ohne dabei die Fischbestände zu verbessern. Jegliches Angelverbot in solch bedeutsamen Gebieten hat enorme Auswirkungen, die wir jetzt schon spüren. Angler kommen das ganze Jahr über, auch in der Nebensaison. Arbeitsplätze im Tourismus sind so ganzjährig gesichert, wo andere Regionen nur Saisonarbeiter beschäftigen. Die Bedeutung für unsere Sozialkassen brauche ich nicht noch einmal zu erklären. Die ideologischen Interessen Einzelner werden hier über die Existenz einer ganzen Branche gestellt, ohne dass es den angeblichen Naturschutzzielen zugutekommt. Ich frage mich immer wieder, wie es soweit kommen kann, warum Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium nicht einschreiten, um solchen Einzelmeinungen Einhalt zu gebieten. Für Ostholstein wäre ein Angelverbot eine Katastrophe.
Ich lebe und arbeite eng zusammen mit allen Beteiligten, entweder bei mir zu Hause in Heiligenhafen mit den Kuttern und Bootsvermietern oder in der Angelbranche mit den Händlern ­– nicht nur an der Küste. Ich will nicht prognostizieren, was passiert, wenn ein Angelverbot kommt. Es hängen sehr, sehr viele Existenzen daran, traditionelle Betriebe und junge Familienunternehmen. Die Reeder, Kuttereigner und Kapitäne sind als Erstes direkt betroffen von dieser Politik, die Fachhändler und wir Zulieferer und Produzenten von Angelgeräten als Nächstes. Die regionalen Dienstleister wie Gastro-, Beherbergungsbetriebe, Campingplatzbetreiber, Bootsverleihe usw. sind dann die Nächsten. Die Politik macht sich kein Bild, was alles an den Küsten Deutschlands am Angelsport hängt. 

Von sehr vielen Angelgerätehändlern höre ich oft, dass unsere Angler nicht so richtig aufgeklärt sind. Von Aussagen: „Das Angeln auf der Ostsee ist verboten“ bis „Es wird kein Fisch gefangen“, all das ist in den Köpfen der Menschen, die sonst zum Angeln an die Küste gefahren sind. Derzeit wird leider alles negativ durch die Politik dargestellt. Warum? Dabei fahren die Kutter raus und es werden Fische gefangen. Vielleicht nicht ganz so viel dieser Tage, aber mancher Tag ist ein guter und mancher ein schlechter. Wir müssen anfangen, das Ganze wieder positiver zu sehen und mit Freude an die Küste zum Angeln fahren. Der Köder muss im Wasser sein und wir fangen unseren Fisch.

Und: Es geht doch um viel mehr. Wir leben und lieben unser Hobby. Wir sind unterwegs in der Natur und draußen an der Luft. Wir betreiben unseren Sport, Essen und Trinken, buchen Unterkünfte, kaufen Angelsachen und zahlen die Abgaben an den Staat. Auch wir Meeresangler absolvieren die Fischereischeinprüfung, setzen zu kleine Fische zurück, agieren artgerecht und verwerten unsere Beute! Warum denkt man nicht über wertvollere Rahmenbedingungen nach? Warum will man den Angler entmündigen?

Ich sage JA zum wissenschaftlich erwiesenen Artenschutz und NEIN zum politischen Idealismus! Ich bin sicher, niemand kann mir nachweisen, dass die Eisele- oder andere Pilker und die Angler, die sie benutzen, die Dorschbestände der Ostsee gefährden. Ich bin mir sicher, dass jeder Angler artgerechter seiner Familie etwas auf den Tisch bringt, als jeder andere! Jeder Fisch hat seine Chance und es wird keine Natur dabei gestört, zerstört oder aus dem ökologischen Gleichgewicht gebracht. Der Angler ist so „bekloppt“ und gibt für einen gefangenen Dorsch durchschnittlich 100 Euro und viel mehr aus. Und davon geht mindestens die Hälfte in das Staatssäckel. Von zehn Euro für einen Eisele-Pilker gehen 1,80 Euro an Mehrwertsteuer weg. Für einen Liter Sprit an die Küste gehen 70 Cent an „Waigel“… und was macht der Staat? Er will das Angeln verbieten! Wo leben wir denn? 

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Rute & Rolle: Angler brauchen Köder, wenn sie zum Dorschfang auf die Ostsee fahren. Sind die Verbote auch für Dich als Pilkerhersteller relevant?

 

Michael Eisele:Wir bauen seit 35 Jahren Pilker! Als mein Vater Dieter anfing, Pilker zu bauen, wollte er damit mehr Dorsche in der Ostsee fangen, als bis dato mit der „Plumps-Methode“ möglich. Er entwickelte den aktiven Pilker, der weiter flog und langsamer zum Grund taumelte: den ersten Eisele Select-Pilker. 

Damals war das Spektrum zu 100 Prozent auf die Ostsee zugeschnitten. Heute, in Zeiten der Globalisierung und Reisefreiheit, hat sich das geändert. 20 Prozent unserer Köder werden in Deutschland gefischt, 80 Prozent in Skandinavien bzw. im Atlantik. Wenn wir weiter antianglerische Politik zulassen, dann werden wir bald null Prozent in Deutschland brauchen. Dann sind unsere Küsten der Meere zu Museen und Naturschutzgebieten geworden und der Mensch darf den Vögeln und Robben nur noch zusehen, wie sie sich selber fressen. Aber nur, wenn wir die Strände dann noch betreten dürfen.

Na ja, Skandinavien ist ja auch schön und die Volkshochschulen freuen sich, wenn die Dänisch- und Norwegischkurse gut belegt sind. Umso wichtiger, dass die Beltquerung kommt und wir schnell wegkommen. Ein kleines Brückenbauwerk über die Naturschutzgebiete hinweg? Unter dem auf deutscher Seite nicht geangelt werden darf!

Ich werde mir meine Fische selber fangen, wie schon mein Urgroßvater, und mir nicht nur TK-Ware aus China kaufen!

Ich bin wirklich stinksauer!


Rute & Rolle: Besten Dank für das Interview.

Das Interview führte Jesco Peschutter.

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Noch lassen sich Dorsche in der Ostsee fangen. Doch wie lange noch? Viele Angler weichen schon jetzt auf Norwegen aus. „Der neue 200-Kronen-Schein aus Norwegen zeigt, dass im hohen Norden Dorsch und Mensch in Einklang stehen“, so Michael Eisele.

 

 

Ein Filmbeitrag zum Thema:

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